1.2 Problemstellung und Relevanz
Die empirische Psychotherapieforschung zeigt, dass Psychotherapie nicht primär durch die spezielle Methode oder Technik wirksam ist, sondern Heilung vielmehr durch die Qualität der therapeutischen Beziehung im zwischenmenschlichen Kontakt geschieht. Die Integration Künstlicher Intelligenz (KI) in die Psychotherapie wirft daher die drängende Frage auf, ob diese therapeutische Beziehung menschlich sein muss, oder ob KI in Zukunft Therapeut*innen nicht nur unterstützen, sondern dauerhaft ersetzen kann.
Die bisherige Forschung konzentriert sich vor allem auf funktionale Aspekte und Symptomreduktion: Aktuelle Studien belegen, dass Chatbots (wie etwa Woebot) durchaus erfolgreich bei der Unterstützung von psychischen Problemen sind und in Bewertungen mitunter sogar als empathischer wahrgenommen werden als menschliche Fachpersonen.
Angesichts aktueller versorgungspolitischer Probleme und eines massiven Fachkräftemangels in der psychosozialen Struktur scheint es verlockend zu sein, wertvolle therapeutische Beziehungsarbeit an derartige Systeme auszulagern. Man könnte dem Glauben erliegen, Empathie ließe sich technisch simulieren, um so dem Mangel an Behandler*innen entgegenzuwirken. Durch diesen Machbarkeitswahn (im Sinne von Fuchs und Rosa) droht jedoch eine schleichende Entfremdung und Entleiblichung der Psychotherapie. Es stellt sich somit die Kernfrage, inwiefern diese Systeme strukturell überhaupt dazu fähig sind, eine echte therapeutische Begegnung im Sinne einer leiblichen Ich-Du-Beziehung zu ermöglichen.
Diese Frage wird in der gestalttherapeutischen Fachöffentlichkeit bereits verhandelt. Auf der DVG-Tagung 2025 in Freiburg wurde vor rund siebzig Teilnehmenden eine Live-Sitzung zwischen einer Modellklientin und ChatGPT durchgeführt und anschließend im Plenum diskutiert. Bauer (2026) dokumentiert Experiment und Diskussion in der Zeitschrift Gestalttherapie. Sein Fazit hält fest, was der Maschine fehle: „kein Körper, keine eigene Biografie, keine Verantwortung, keine echte Gegenseitigkeit” (Bauer, 2026, S. 89). Die Aufzählung trifft zu. Sie sagt aber nur, dass etwas fehlt, nicht, warum es fehlen muss. Genau hier setzt diese Arbeit an.