KI und Gestalttherapie
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3 Gestalttherapie als gelebte Beziehungsmedizin

In einer groß angelegten Delphi-Studie befragen Fogarty et al. (2016) 63 international führende Gestalt-Expert*innen in mehreren Runden, um zu untersuchen, was die spezifische Identität der Gestalttherapie im Feld der Psychotherapie ausmacht und inwieweit sich ihre therapeutische Haltung von anderen Richtungen abgrenzen lässt. Diese Konsensfindung bildete die Grundlage für die später entwickelte und validierte Gestalt Therapy Fidelity Scale (GTFS; Fogarty et al., 2020).

Die Studie identifiziert acht Schlüsselkonzepte der Gestalttherapie, wobei die Autor*innen selbst betonen, dass die Zerlegung künstlich wirkt, weil in jedem klinischen Moment mehrere Konzepte gleichzeitig wirksam sind (Fogarty et al., 2016, S. 34).

„GT is a dynamic, integrative, embodied approach that addresses human existence as a fundamentally relational modality […] anchored in a deeply dialogic relationship […].” (Fogarty et al., 2020, S. 495, gekürzt)Fußnote 1 Übers. M.P. (gekürzt): Die Gestalttherapie ist ein dynamischer, integrativer und verkörperter Ansatz, der die menschliche Existenz als grundlegend relational begreift: Das Selbst ist stets in ein dynamisches Organismus-Umwelt-Feld eingebettet. […].

Das primäre Kernkonzept der Gestalttherapie ist die Entwicklung von Gewahrsein (Awareness): das Bemerken dessen, was ein Mensch sonst unbemerkt tut, wie er wahrnimmt, wie er deutet, wie er seinem Erleben Bedeutung gibt. Dieses übergeordnete erste Ziel wird durch sieben weitere Schlüsselkonzepte ergänzt. Den tragenden Rahmen für die folgenden Werkzeuge bilden zwei davon: die dialogische Beziehungsgestaltung und die Arbeit im unmittelbaren Hier und Jetzt. Sie sind keine reinen Techniken, sondern beschreiben eine übergeordnete Grundhaltung.

Bereits Yontef (1998, S. 88, zit. n. Votsmeier-Röhr & Wulf, 2024, S. 180) bestimmt die Merkmale dieser dialogischen Haltung als Präsenz, Umfassung, Bestätigung und Engagement für das Dialogische im Dienste des Zwischen und benennt damit fast dieselben Aspekte, die der internationale Konsens später bestätigt (Fogarty et al., 2016, S. 36). Dieselben Kernkompetenzen bestätigt unabhängig eine empirische Studie aus dem deutschsprachigen integrativen Ausbildungskontext, die Awareness, dialogisches und phänomenologisches Vorgehen sowie die Erlebnisorientierung im Hier und Jetzt aus der Fachliteratur ableitet und an 205 Praktiker*innen prüft (Grillmeier-Rehder, 2020, S. 51 ff., 102).

Die verbleibenden fünf Schlüsselkonzepte (phänomenologisches Vorgehen, Arbeit mit Verkörperung, Feldsensibilität, Kontaktprozesse und die experimentelle Haltung) werden in drei Leitfragen zusammengefasst, die diesem Kapitel seine Struktur verleihen.

Sie ordnen die fünf Dimensionen des verkörperten Erlebens (Kap. 2.3) der klinischen Praxis zu (vgl. Abbildung 2). In der Therapie wirken diese Dimensionen nie getrennt, sondern immer gleichzeitig. Die Aufteilung auf drei Unterkapitel dient allein der Darstellung.

Abbildung 2: Struktur des dritten Kapitels, die drei Perspektiven der Gestalttherapie als Beziehungsmedizin.

Allen drei gemeinsam ist ein phänomenologischer Zugang. Im psychotherapeutischen Sinn meint das „einen Fokus auf die leiblich-personale Erfahrung einer konkreten Person in einem gegenwärtigen Moment psychotherapeutischer Begegnung” (Fuchs & Schmidsberger, 2024, S. 113). Die Gestalttherapie definiert sich also nicht über Inhalt oder Technik, sondern über das relational-leibliche Tun der Therapeut*in an der Kontaktgrenze, im Hier und Jetzt. Fuchs und Schmidsberger (2024, S. 113) unterscheiden diese psychotherapeutische Bedeutung von zwei weiteren: der philosophischen als systematischer Wissenschaft der subjektiven Erfahrung und der psychiatrisch-diagnostischen als deskriptiver Symptomordnung. Die Gestalttherapie nutzt die psychotherapeutische, fundiert durch die philosophische, und grenzt sich von der diagnostischen ab. Ihre Phänomenologie ist damit eine teilnehmende, keine distanziert beobachtende. (Fuchs & Schmidsberger, 2024, S. 114) Das Konsens-Panel um Fogarty bestätigt diesen Zugang unabhängig und beschreibt ihn als leiblich-sinnlich (Fogarty et al., 2016, S. 37). Zinker nennt ihn „in den Sinnen verankertes Erleben” (2005, S. 89, zit. n. Fuchs & Schmidsberger, 2024, S. 113). Er verlangt es, die eigenen Theorien und Erwartungen zunächst zurückzustellen. Erst dieses Absehen von Vorannahmen schafft die Offenheit und Aufmerksamkeit, die das Wahrnehmen im gegenwärtigen Moment möglich macht (Fuchs & Schmidsberger, 2024, S. 113–114).

Aus derselben Offenheit heraus erfordert dialogisches Arbeiten von der Therapeut*in die Bereitschaft, unbestimmt zu bleiben. Votsmeier-Röhr und Wulf (2024, S. 61) beschreiben, was das praktisch verlangt: die eigenen Erwartungen und Vorstellungen vom Gegenüber zu hinterfragen und „einzuklammern” sowie das „ganz Fremde”, das Unerwartete zuzulassen, um sich im Therapieverlauf immer wieder überraschen zu lassen. Der Prozess wird begleitet, ohne vorgefasste Agenda und ohne den Drang, die Klient*in verändern zu wollen (Fogarty et al., 2016, S. 36). In dieser Unbestimmtheit reagiert die Therapeut*in auf die Unverfügbarkeit, die in Kapitel 2.2 als wesentlicher Aspekt wahrer Begegnung definiert wurde: Das, was sich nicht herstellen lässt, kann lediglich offen gehalten werden.

Der Blick gilt nun der ersten dieser drei Perspektiven, dem Womit: der leiblichen und emotionalen Awareness.

3.1 Embodied & Emotive: Awareness und leibliche Selbstresonanz

Awareness ist in der Gestalttherapie seit Perls, Hefferline und Goodman (1951/2019) kein Nachdenken über sich selbst, sondern die wache, leiblich verankerte …

3.2 Embedded & Extended: Die Kontaktgrenze und das Feld

Die Gestalttherapie bricht mit der Idee eines isolierten Innenraums, in dem „Psyche” stattfindet. An seine Stelle setzen Perls, Hefferline und Goodman (1951/2019) das …

3.3 Enacted: Gegenwärtigkeit im Hier und Jetzt

Die phänomenologische Tradition ordnet menschliches Erleben einer Reihe von Grundformen zu: Selbsterleben, Leiblichkeit, Räumlichkeit, Zeitlichkeit, Intersubjektivität …

Fußnoten

  1. Übers. M.P. (gekürzt): Die Gestalttherapie ist ein dynamischer, integrativer und verkörperter Ansatz, der die menschliche Existenz als grundlegend relational begreift: Das Selbst ist stets in ein dynamisches Organismus-Umwelt-Feld eingebettet. […].