KI und Gestalttherapie
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1.1 Persönliche Motivation

Ich fand meinen Weg zur Psychotherapie über die Musik. Mit anderen Menschen zu musizieren bedeutet, mit anderen Menschen in Resonanz zu sein, miteinander zu schwingen und etwas zu erschaffen, das etwas anderes als die Summe seiner Einzelteile ist.

Gemeinsames Musizieren findet im Hier und Jetzt statt und erfordert ein Miteinander, das weit über das Kognitive hinausgeht. Es ist daher kein Zufall, dass ich die Integrative Gestalttherapie als meine therapeutische Heimat gewählt habe, die genau diese Eigenschaften als ihre Basis betrachtet. Zinker (2005) beschreibt die Gestalttherapie im Kern als einen kreativen Prozess, in dem Therapeut*innen unweigerlich auch Künstler*innen sein müssen. Es geht nicht nur um Techniken, sondern um die leibliche Arbeit mit dem Lebendigen im Hier und Jetzt.

Wir schwingen uns als Therapeut*innen auch immer wieder neu auf unsere Klient*innen ein. Die schöpferische Anpassung, ein zentrales Prinzip der Gestalttherapie beschreibt genau diese menschliche Fähigkeit, sich immer wieder neu auf das Unvorhersehbare, oder wie Hartmut Rosa es sagen würde, das Unverfügbare einzuschwingen. Dieses Miteinander-Schwingen erfordert eine Leiblichkeit und eine Intimität, die nur zwischen lebendigen Organismen möglich ist.

Gerade weil dieses Mitschwingen an lebendige Leiber gebunden ist, beschäftigt es mich, dass Maschinen begonnen haben, es zu simulieren. Durch den Einzug von künstlicher Intelligenz in unseren Alltag stehen wir als Gesellschaft vor einem gewaltigen Umbruch. Als Medienkomponist und langjähriger Geschäftsführer eines Unternehmens im Kreativbereich bin ich keineswegs technologiefeindlich, ganz im Gegenteil habe ich Computertechnologie schon immer als zentrales Mittel in meinen Produktionsprozessen verwendet. Ich habe auch schon das disruptive Potenzial des Internets in den 90ern des letzten Jahrtausends hautnah miterlebt. Ich denke jedoch, dass die Einführung von KI unsere Gesellschaft tiefer verändern wird als alles Bisherige. Diesmal steht das auf dem Spiel, was uns als lebendige, leibliche Wesen ausmacht.

Diese Entwicklung stellt auch mich selbst vor eine Frage: Warum bin ich gerade in dieser Zeit Gestalttherapeut geworden? Die vorliegende Arbeit ist auch der Versuch einer Antwort. Sie sucht eine Position zwischen meiner Affinität zur Technik und der Erfahrung, dass sich das Tragende der Begegnung nicht berechnen lässt. In diesem Sinn versteht sich die Arbeit als ein Eintreten für den Humanismus: nicht gegen die Maschine, sondern für den Menschen. Zugleich soll sie das Selbstbewusstsein stärken, mein eigenes wie das meines Berufsstandes, die Kernkompetenzen der Gestalttherapie in diesem Umbruch nicht kleinzureden, sondern selbstbewusst zu vertreten.