KI und Gestalttherapie
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2.2 Der Raum der Begegnung: Bubers Zwischen und Rosas Resonanz

Wo die empirische Forschung an ihre Grenze stößt, setzt die Dialogphilosophie an. Buber unterscheidet zwei Grundhaltungen, wie Menschen aufeinander bezogen sein können.

Das Ich-Es ist die Haltung des Betrachtens, Analysierens und Einordnens. Der andere wird zum Gegenstand, den ich erfahren, vermessen, klassifizieren und sogar gebrauchen kann. In der klinischen Psychologie entspricht das der diagnostischen Perspektive im herkömmlichen Sinn. Die Klientin wird als ein zu verstehendes, einzuordnendes Objekt gesehen.

Die Ich-Du-Haltung hingegen ist eine Haltung der Begegnung, in der ich dem anderen mit meinem ganzen Wesen gegenübertrete. Das Du wird nicht erfahren oder gebraucht, das Ich wird erst am Du zum Ich.

Entscheidend dabei ist, dass sich dieses Du nicht herstellen lässt. Es lässt sich nicht planen, und auch nicht erzwingen. Es begegnet, oder es begegnet eben nicht. Buber nennt dies die Unverfügbarkeit des Du:

„Das Du begegnet mir von Gnaden; durch Suchen wird es nicht gefunden.” (Buber, 2017, S. 17)

Was sich herstellen lässt, ist allein die Bereitschaft dafür: Buber nennt diese Haltung die Hinwendung, die Offenheit für den realen Anderen und für das, was nicht schon im inneren Bild von ihm vorweggenommen ist. Ihr Gegenbegriff ist die Rückbiegung: In ihr bleibt der Andere nur „als das eigene Erlebnis” bestehen, und Begegnung findet nicht statt (Buber, 1984, S. 170–173, zit. n. Votsmeier-Röhr & Wulf, 2024, S. 184 f.)

Die Ich-Es Haltung ist nicht weniger wichtig oder wertvoll.

Buber selbst hat diesen Vorbehalt formuliert:

„Ohne Es kann der Mensch nicht leben. Aber wer mit ihm allein lebt, ist nicht der Mensch” (Buber, 2017, S. 40).

Votsmeier-Röhr und Wulf (2024, S. 59) halten ausdrücklich fest, dass die Ich-Es-Relation existenziell notwendig und in der Psychotherapie unerlässlich ist: z. B. beim Stellen von Diagnosen und beim Definieren von Therapiezielen. Die dialogische Haltung besteht demnach nicht im Verzicht auf das Ich-Es, sondern in einem Hin-und-Her-Schwingen zwischen beiden Haltungen (Votsmeier-Röhr & Wulf, 2024, S. 59f).

Die Frage ist nicht, ob die Ich-Es-Haltung in der Therapie vorkommen darf, sondern ob sie allein bleibt.

Wo genau ereignet sich nun diese Begegnung, wie lässt sich die Qualität dieser Begegnung genauer fassen? Nach Buber geschieht Heilung nicht im Kopf der Therapeut*in und nicht im Kopf der Klient*in, sondern im intersubjektiven Raum zwischen ihnen, den Buber „Das Zwischen nennt.

Wegscheider (2020, S. 79) beschreibt Bubers Zwischen wie folgt:

„Die Begegnung findet weder in dem einen noch in dem anderen Teilnehmer […] statt, sondern zwischen ihnen, in einer Dimension, die nur den beiden zugänglich ist.” (gekürzt)

Buber sah das „Zwischen” als ein gemeinsames Feld, in dem Beziehungen kokreativ gestaltet werden können, und das jeden Moment neu erschaffen wird. Es ist kein Zustand, sondern ein Geschehen.

Es lässt sich außerdem nicht willentlich herstellen, ist nicht planbar und setzt eine Ich-Du-Haltung voraus. Der echte Raum der Begegnung ist unverfügbar: Er entsteht, wenn die berechnende Ich-Es-Haltung im Augenblick der Begegnung zurücktritt.

Diese Gedanken führt Hartmut Rosa aus einer soziologischen Perspektive weiter und beschreibt Resonanz als einen Beziehungsmodus in der Psychotherapie, eine Form der Bezogenheit, die echte Begegnung voraussetzt (vgl. Horn & Rosa, 2024, S. 37 und Rosa, 2024a, S. 288).

Dieser Beziehungsmodus ist durch vier Elemente bestimmt: wechselseitige Berührung (Affizierung), Einwirkung (Selbstwirksamkeit), Transformation und Unverfügbarkeit (Horn & Rosa, 2024, S. 38 und Rosa, 2024b, S. 38).

Die erste Bedingung ist das Moment der Berührung (Affizierung): Ein Subjekt wird von einem anderen Menschen, der Natur, einer Idee im Innersten erreicht und bewegt. Rosa spricht von einer „Anrufung”: Etwas ruft uns an, bewegt uns von außen (Rosa, 2024b, S. 39).

„[…] Sie zeigen an, dass der Panzer der Verdinglichung, mit dem wir in einer auf Steigerung und Beherrschen ausgerichteten Welt in der Regel operieren, für einen Moment durchbrochen ist […]” (Rosa, 2024b, S. 39, gekürzt)

Für die therapeutische Beziehung heißt das: Die Therapeutin lässt sich vom Erleben der Klientin wirklich berühren, anstatt nur Informationen zu sammeln.

Auf diese Berührung folgt zweitens eine Antwort. Eine Resonanzbeziehung entsteht erst dann im vollen Sinne, wenn das Subjekt nicht nur passiv berührt wird, sondern mit einer nach außen gerichteten, oft leiblich spürbaren Emotion, wie einer Gänsehaut oder einem Schauer über den Rücken, reagiert. Entscheidend ist, dass diese Antwort ankommt: Das Subjekt erfährt sich als wirksam, weil sein Antworten das Gegenüber seinerseits erreicht. Rosa bezeichnet dieses zweite Moment daher als Selbstwirksamkeit (Rosa, 2024b, S. 40).

„Beide Entitäten der Beziehung müssen sich in einem schwingungsfähigen Medium wechselseitig so berühren, dass sie aufeinander antwortend […] begriffen werden können.” (Rosa, 2024a, S. 285, gekürzt)

Horn und Rosa (2024, S. 39–40) betonen ausdrücklich, dass Resonanz nicht als Echobeziehung zu verstehen ist, sondern als Antwortbeziehung: Ein Echo wirft die eigene Stimme nur mechanisch zurück. Resonanz dagegen ist eine Entgegnung in verwandtem, aber eigenem Register.

Für das therapeutische Setting bedeutet das: Die Therapeut*in muss nicht nur berührbar sein, sondern auch fähig, mit eigener Stimme, die auch Widerstand leisten kann, und innerer Bewegung authentisch zu antworten. Ein Gegenüber, das stets zustimmt und nur bestätigt, stiftet eben gerade keine Resonanz, auch wenn es sich zunächst wohltuend anfühlen kann.

Resonanzerfahrungen verwandeln uns und eben darin liegt die Erfahrung von Lebendigkeit. […]” (Rosa, 2024b, S. 41, gekürzt)

Als dritte Bedingung nennt Rosa das Moment der Anverwandlung (Transformation). Jede echte Resonanzerfahrung geht mit einer vitalen, verändernden Wirkung einher: Das Subjekt wird durch die Begegnung mit der Welt transformiert.

In der Psychotherapie verändert eine resonante Begegnung sowohl die Klientin als auch die Therapeutin. Es gibt keine echte Resonanz, nach der beide Beteiligten unverändert bleiben. Wo sich nichts wandelt, hat keine Begegnung stattgefunden.

Ohne das Zusammenspiel dieser ersten drei Momente bleibt die Beziehung zur Welt eine Beziehung der Beziehungslosigkeit. Es braucht die Affizierung (das Berührtwerden durch ein Gegenüber), die Emotion (die selbstwirksame Antwort, durch die überhaupt erst eine Verbindung entsteht) und die Transformation, die beide Seiten verwandelt. Rosa verdeutlicht diese Doppelbewegung anhand des Bildes eines Saiteninstruments: Ein Mensch muss, ähnlich wie eine Geige oder Gitarre, ausreichend offen sein, um berührt und verändert zu werden, und gleichzeitig stabil genug in seiner eigenen Identität, um mit einer eigenständigen Stimme wirkungsvoll zu antworten (Rosa, 2024b, S. 42).

Das vierte und für Rosas Theorie zentralste Merkmal ist das Moment der Unverfügbarkeit. Resonanz lässt sich weder erzwingen noch verhindern: Keine Methode und kein Schritt-für-Schritt-Ratgeber können garantieren, dass ein Mensch in Resonanz tritt. Selbst wer alle äußeren Bedingungen wie Ort, Zeit, oder Atmosphäre perfekt zu kontrollieren versucht, bleibt womöglich trotzdem unberührt. Der Kerzenschein, der Berg im Morgenrot, die Musik vom besten Platz im Konzerthaus können einen gerade dann kalt lassen (Rosa, 2024b, S. 43–46). Unverfügbar ist nicht nur ihr Eintreten, sondern auch ihr Ausgang: Da Resonanz stets mit einer Transformation einhergeht, lässt sich niemals im Voraus bestimmen, in welchem Maße sie Veränderungen bewirken wird.

Für die therapeutische Haltung heißt das: Der Prozess entzieht sich der Kontrolle. Je weniger die Therapeut*in ihn zu steuern versucht, desto eher kann sich Resonanz einstellen. Ein therapeutischer Durchbruch lässt sich weder planen noch algorithmisch herbeiführen. Das bedeutet nicht Passivität. Die Therapeut*in bleibt aktiv: Sie schafft den Rahmen, sie ist präsent, sie antwortet und lässt sich berühren. Nur das Ergebnis liegt nicht in ihrer Hand. Sie ist damit für die Bedingungen der Begegnung verantwortlich, nicht aber für deren Eintreten.

Rosas Sprache ist durchgehend musikalisch: die Saite, die schwingt, die Stimme, die zurücktönt. Offen bleibt dabei, was beim Menschen jenes schwingungsfähige Medium ist, von dem Rosa spricht. Thomas Fuchs, dem sich das folgende Kapitel widmet, bleibt im selben Bild und gibt die Antwort: Er benennt den Leib als Resonanzkörper für alle Gefühle” (Fuchs, 2023, S. 112). Damit rückt jene Dimension in den Mittelpunkt, die die Schwingung erst ermöglicht: die Leiblichkeit.