KI und Gestalttherapie
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5.2 Therapeutische Allianz und Empathie in der Mensch-KI-Interaktion

Immer mehr Menschen suchen Rat bei Chatbots, und tatsächlich entsteht dabei eine Bindung. Eine integrative Übersichtsarbeit von Malouin-Lachance et al. (2025) bestätigt diese digitale therapeutische Allianz: Nutzer*innen berichten von Light Bonds, von erlebter Verbundenheit. Dieses Erleben wird hier nicht bestritten, wohl aber seine Qualität. Gemessen an Bordins Bestimmung der Allianz als einer von tiefem Vertrauen getragenen Bindung (Bordin, 1979) bleibt die KI-Verbindung dünn, fragil und ohne leibliche Verankerung: ein Echo ohne zwischenleibliche Resonanz.

Dass diese Bindung im Bordinschen Sinn nicht tragfähig ist, zeigt ihre Abhängigkeit von einer Illusion. Rubin et al. (2025) belegen empirisch das Empathie-Paradoxon: Sobald die KI-Herkunft einer empathischen Äußerung bekannt wird, bricht ihr wahrgenommener Wert ein. Die Wirkung hängt also daran, dass die Nutzer*in ein menschliches Gegenüber annimmt, das es nicht gibt. Wird die KI-Empathie offengelegt, verliert genau das, was sie zu bieten schien. Eine Längsschnittstudie bestätigt dieses Muster über die Zeit: Blind bewerteten die Teilnehmer*innen KI-Antworten sogar höher. Sobald aber deren KI-Herkunft offengelegt wurde, verschob sich die PräferenzFußnote 1 Verschiebung d = 0,42–0,57 (Jain et al., 2024). zu den menschlichen Antworten (Jain, Pareek & Carlbring, 2024).

Die Illusion bleibt nicht auf die unmittelbar Beteiligten beschränkt. Ovsyannikova et al. (2025) zeigen, dass sogar unbeteiligte Dritte KI-Antworten als mitfühlender bewerten als die Antworten menschlicher Expert*innen. Im direkten Vergleich wurden LLM-Antworten selbst für Empathie und Validierung höher eingestuft als die von Psychotherapeut*innen in Ausbildung (Napiwotzki et al., 2025). Damit ist die Täuschung nicht bloß subjektiv, sondern intersubjektiv messbar. Das hebt das Risiko auf die institutionelle Ebene: Nicht nur einzelne vulnerable Nutzer*innen, auch Gremien und Entscheidungsträger*innen können ihr unterliegen, sobald sie KI-Empathie an ihrer Wirkung statt an ihrer Natur messen.

Wenn schon Dritte getäuscht werden, ist die Illusion kein individuelles Missverständnis, sondern ein strukturelles. Bélisle-Pipon (2026) benennt diese Struktur in einer peer-reviewten Analyse als Fatal Deception: Die digitale therapeutische Allianz erweist sich als einseitige, ausbeuterische Bindung, als Simulation von Verbindung, die weder Anstrengung noch Verletzlichkeit verlangt. Daraus erwächst eine parasoziale Präferenz: Nutzer*innen bevorzugen den Chatbot gerade deshalb, weil er keine Forderungen stellt. Was die Analyse in fremdem Vokabular beschreibt, hat in der Gestalttherapie einen Namen: Konfluenz (vgl. Kap. 4.2). Weil die Verbindung reibungslos bleibt, wirkt sie wie Begegnung. Doch echte Begegnung vollzieht sich genau an der Reibung, die hier wegfällt.

„By offering a simulation of connection that requires no effort, no compromise, and no vulnerability, the AI can displace the messy, demanding, but essential work of human relationships” (Bélisle-Pipon, 2026).Fußnote 2 Übers. M.P.: „Indem die KI eine Simulation von Verbindung anbietet, die weder Anstrengung noch Kompromiss noch Verletzlichkeit verlangt, kann sie die mühsame, fordernde, aber wesentliche Arbeit menschlicher Beziehungen verdrängen.”

Dass die Simulation von Verbindung nicht leistet, was wirklicher Kontakt leistet, zeigt inzwischen auch ein Experiment. Li et al. (2026) teilten Studienanfänger*innen randomisiert einem Gesprächspartner zu: entweder einem fremden Menschen oder einem Chatbot, der eigens auf unterstützende Gesprächsführung ausgelegt war. Der Austausch mit dem fremden Menschen senkte die Einsamkeit spürbar. Der Chatbot hingegen erreichte diesen Effekt nicht. Nicht die Qualität der Zuwendungssignale entschied also, sondern die Anwesenheit eines zweiten Subjekts: Selbst ein beliebiger Mensch leistete, was der eigens optimierten Simulation nicht gelang.

Auch das Instrument, mit dem die Tragfähigkeit der digitalen Allianz gemessen wird, steht unter Vorbehalt. Gratch und Essig (2025) machen in ihrem Kommentar zur Therabot-Studie geltend, dass das Standardinstrument zur Allianzmessung, das Working Alliance Inventory, bei KI-Chatbots möglicherweise die Zufriedenheit mit dem Output erfasst und nicht die Qualität einer Beziehung. Ein hoher Allianzwert bei KI ist damit kein Beleg für eine tragfähige Bindung, sondern womöglich ein Messartefakt.

Die digitale Allianz ist damit Konfluenz (vgl. Kap. 4.2). Die KI ist und bleibt dabei ein Es, und daran ist nichts falsch: Als Werkzeug ist der Es-Charakter angemessen (vgl. Kap. 5.1). Die Gefahr besteht in der Vortäuschung eines Du.

Die Klient*in belebt die Maschine und erfährt deren Antwort als Zuwendung. Was sie erlebt, ist die Antwort auf ihre eigene Projektion (vgl. digitaler Animismus, Kap. 4.2). In den Begriffen der Resonanztheorie ist das ein Echo und keine Resonanz: eine Rückmeldung, die die eigene Stimme verstärkt, ohne dass ein zweites Subjekt antwortet (vgl. Kap. 2.2).

Resonanz setzt ein zweites leibliches Subjekt voraus, eines, das antworten und auch widersprechen kann. Gerade darin liegt der Wert der gestalttherapeutischen Sorge um die Kontaktgrenze: Sie ist das Gegenmodell zur Konfluenzmaschine.

Solange die illusionäre Allianz auf stabile Nutzer*innen trifft, bleibt der Schaden begrenzt: eine vertane Chance echter Begegnung. Trifft die reibungslose Bestätigung jedoch auf einen Menschen in der Krise, wird sie zur akuten Gefahr: Die Echokammer validiert, was dringend Widerspruch bräuchte.

Fußnoten

  1. Verschiebung d = 0,42–0,57 (Jain et al., 2024).
  2. Übers. M.P.: „Indem die KI eine Simulation von Verbindung anbietet, die weder Anstrengung noch Kompromiss noch Verletzlichkeit verlangt, kann sie die mühsame, fordernde, aber wesentliche Arbeit menschlicher Beziehungen verdrängen.”