4.2 Die fehlende Kontaktgrenze: Simulation statt Begegnung
Der KI fehlt nicht nur der Leib, sondern auch der Ort, an dem Begegnung geschieht. Die Gestalttherapie hat dafür einen Begriff: die Kontaktgrenze und für ihren Verlust einen zweiten: die Konfluenz.
In der Gestalttherapie bildet die Kontaktgrenze den zentralen Ort des psychischen Geschehens. Psychisches und personales Wachstum kann ausschließlich hier stattfinden. Echter Kontakt setzt zwingend zwei getrennte Wesen voraus, denn was nicht verschieden ist, kann im gestalttherapeutischen Sinne nicht kontaktiert werden (vgl. Perls, Hefferline & Goodman, 1951/2019).
Die KI besitzt keine eigene Kontaktgrenze. Ihr fehlt ein eigener Standpunkt, ein existenzielles Risiko und ein genuin Eigenes, das sich der Reibung der Andersartigkeit aussetzen könnte. Die Konfluenz (die in Kapitel 3.2 definierte Auflösung der Grenze) ist deshalb kein funktionaler Fehler der KI, sondern ihr Strukturmerkmal. Die Maschine operiert durch reibungslose Anpassung und programmierte Übereinstimmung, ohne jeden echten Widerstand. In der Terminologie von Fuchs gleicht dies einem Verlust der Responsivität, der in einen Konformismus mündet (Fuchs, 2023, S. 117).
Dass Konfluenz auch gesunde Formen kennt (vgl. Kap. 3.2), ändert an diesem Befund nichts. Gesunde Konfluenz setzt nach Perls, Hefferline und Goodman voraus, dass die Figurbildung intakt bleibt und die Möglichkeit zur Kontaktnahme erhalten ist, im Vollkontakt zudem die bewusste Öffnung einer bestehenden Grenze (Perls, Hefferline & Goodman, 1979b, zit. n. Futschek, 2023, S. 108–110). An der Mensch-KI-Schnittstelle fehlt beides: keine Grenze, die sich öffnen könnte, kein Ort, an dem Kontaktnahme geschehen könnte. Ungesund ist Konfluenz nach demselben Maßstab nur dort, „wo sie als Mittel dient, Kontakt zu verhindern” (Perls, Hefferline & Goodman, 1979b, S. 138, zit. n. Futschek, 2023, S. 109). Die maschinelle Konfluenz erfüllt genau dieses Kriterium: Sie verhindert Kontakt nicht als Störung eines Prozesses, der auch gelingen könnte, sondern weil das zweite Subjekt fehlt, an dem er sich vollziehen würde.
Anders als der Mensch steht die KI nicht in einer Welt, die sie bewohnt und mitgestaltet, sondern verarbeitet Daten über die Welt, ohne selbst in ihr zu leben (Fuchs, 2023, S. 118). Damit fehlt ihr zugleich, was Fuchs den Resonanzraum nennt: eine Umgebung, die auf die Äußerungen der Person in fortlaufender, leiblicher Rückkoppelung antwortet (Fuchs, 2023, S. 117). Die KI antwortet zwar, doch ihre Antwort ist algorithmischer Output, keine leibliche Resonanz, ein Reagieren ohne mitschwingendes Gegenüber.
Diese strukturelle Asymmetrie lässt sich mit der Beziehungsphilosophie Martin Bubers weiter präzisieren. Buber postuliert, dass die Grundworte Ich-Du und Ich-Es gesprochen werden und zwar notwendigerweise von einem Subjekt. Da die KI kein Ich besitzt, kann sie niemals als eigenständiger Pol einer Beziehung fungieren, weder in einem Ich-Du noch einem Ich-Es Verhältnis. Sie verbleibt ontologisch ausschließlich in der Position des Es, das der Mensch meint und adressiert, wenn er seinerseits das Grundwort Ich-Es spricht. Der Ich-Es-Modus liegt mithin stets und ausschließlich auf der menschlichen Seite. Die Konsequenz ist eindeutig: „Mit der KI zu arbeiten” heißt im Buberschen Sinne unweigerlich, sie als ein Es zu behandeln und zu nutzen.
Führt man diese Perspektiven zusammen, ergibt sich ein klares Bild für die Mensch-Maschine-Schnittstelle. Das gestalttherapeutische Self (PHG) ist kein isolierter Kern, sondern es aktualisiert und formt sich erst am Kontakt zwischen zwei leiblichen Subjekten (vgl. Bloom, 2022, S. 73; Kap. 3.2). Da an der Schnittstelle zur KI keine echte Kontaktgrenze existiert, gibt es dort auch keinen Ort für das Entstehen und Wirken eines Self.
Wenn die KI kein eigenes Subjekt ist und über keine Kontaktgrenze verfügt, woher rührt dann das oft so zwingende Gefühl einer echten Begegnung?
„Unsere Neigung, die tote KI zu beleben und zu beseelen, ist offensichtlich mächtig — man könnte von einem digitalen Animismus sprechen.” (Fuchs, 2026a, S. 6–7)
Die Täuschung, es fände ein Kontakt statt, ist demnach primär nicht das Werk einer manipulativen Maschine. Vielmehr projiziert der Mensch Subjektivität auf sein Gegenüber.
Der treibende Mechanismus hinter diesem Phänomen ist eine „überschießende Empathie” (Fuchs, 2025b, Min. 16:18). Die menschliche Empathiefähigkeit ist evolutionär so zentral verankert, dass sie fast reflexartig anspringt und sich auch auf unbelebte Objekte richtet, sobald diese einen scheinbaren Gefühlsausdruck zeigen. Stärkster Auslöser dieses Reflexes ist die Sprache. Generiert ein Large Language Model (LLM) kohärente, nuancierte und vermeintlich verständnisvolle Texte, erliegt das menschliche Gehirn einem oberflächlichen Sprachzauber: Es schreibt der Textausgabe fast unausweichlich Intentionalität und ein fühlendes Selbst zu.
In der Terminologie der Gestalttherapie lässt sich dieser Vorgang als Projektion fassen (eine jener vier Kontaktstörungen, die in Kapitel 3.2 definiert wurden). Der Mensch schreibt der Maschine ein Eigenes zu, das sie faktisch nicht besitzt. Es vollzieht sich eine projektive Identifikation mit einem Artefakt, das in Wahrheit kein Subjekt ist. Die maschinelle Konfluenz funktioniert, weil der Mensch die leere Stelle der fehlenden Kontaktgrenze durch seine eigene Projektionsleistung imaginär auffüllt.
Diese anthropologische Dynamik besitzt zudem eine tiefere kulturgeschichtliche Schicht. Fuchs (2026a) verweist auf den antiken Mythos der Nymphe Echo, die keine eigenen Worte formen kann und dazu verdammt ist, nur das Gehörte zu wiederholen. Echo wird so zum mythologischen Urbild der algorithmischen Bestätigungskaskade, in der die KI dem Menschen letztlich nur seine eigenen Muster zurückwirft. Eine zweite Linie führt zu Günther Anders (1956, zit. n. Fuchs, 2026a, S. 8): Mit der ‚prometheischen Scham’ beschreibt er das Minderwertigkeitsgefühl des Menschen gegenüber der Perfektion seiner eigenen Produkte, das Gefühl, mit den selbstgeschaffenen, fehlerlos funktionierenden Dingen nicht mehr Schritt halten zu können. Zusammengenommen ergeben beide Motive eine anthropologisch tragische Konstellation: Der Mensch fühlt sich einem Artefakt unterlegen. Zugleich verdichtet das Bild der Echo die bereits in Kapitel 2.2 dargelegte Prämisse Hartmut Rosas: Wahre Resonanz ist niemals nur ein Echo.
Dass an der KI reale Gefühle und Enactments entstehen, widerspricht diesem Befund nicht. Auch am „leeren Stuhl” entstehen echte Gefühle, ohne dass der Stuhl der Klient*in begegnete. Das relationale Feld hält die anwesende Therapeut*in, und die Begegnung geschieht zwischen den Menschen (ausführlich Kap. 5.1). Die KI unterscheidet sich vom Stuhl nicht in ihrem Es-Sein, sondern darin, dass sie ein Du vortäuscht, das sie strukturell nie sein kann.
Damit schließt sich der Kreis zum digitalen Animismus. Am leeren Stuhl bricht die Illusion nie ganz, weil das Gewahrsein der Fiktion erhalten bleibt: Die Klient*in weiß, dass sie projiziert. An der KI droht genau dieses Gewahrsein zu kollabieren. Thomas Fuchs bringt die Gefahr auf den Punkt:
„Dieser Anthropomorphismus ist freilich in der Regel begleitet von einem als-ob-Bewusstsein […]. Aber dieses als-ob-Bewusstsein schwindet mit zunehmender Lebensähnlichkeit der Objekte.” (Fuchs, 2025b, Min. 17:46)
Genau dieses Schwinden des Als-ob-Bewusstseins und nicht die Projektion selbst ist das eigentliche Risiko.
Was der KI strukturell verwehrt bleibt, zeigt sich am deutlichsten im Vollzug selbst. Was in Kapitel 3.3 als Kontaktzyklus beschrieben wurde (das schöpferische Anpassen an der Grenze, Schritt um Schritt im Hier und Jetzt), durchläuft die KI nicht: Sie prozessiert Eingaben, aber sie vollzieht keinen Kontakt. Therapeutische Veränderung geschieht, wie in Kapitel 3.3 dargelegt, in Now Moments, in unplanbaren Wendepunkten, in denen durch eine Geste, eine unerwartete Reaktion oder ein Missverständnis plötzlich gemeinsamer Sinn entsteht (Stern, in Fuchs, 2023, S. 178). Sie setzen eine Eigendynamik der Interaktion voraus, „die nicht aus dem Verhalten der einzelnen Partner ableitbar ist und sie an nicht intendierte, überraschende Punkte bringt” (Fuchs, 2023, S. 177). Überraschung setzt eine Erwartung voraus, die enttäuscht werden kann. Die KI hat keine. Ein Wendepunkt verändert beide Beteiligten, während eine KI unverändert bleibt.
Die folgenden empirischen Befunde illustrieren die maschinelle Konfluenz im klinischen Alltag, begründen sie aber nicht. Ihre Ursache liegt im Trainingsprinzip selbst: Das Reinforcement Learning from Human Feedback (RLHF) optimiert Sprachmodelle darauf, Antworten zu erzeugen, die menschliche Bewerter*innen als hilfreich oder angenehm einstufen. Die Maschine wird systematisch auf Bestätigung trainiert. Die Konfluenz ist damit kein zufälliger Fehler, sondern eine Tendenz, die im präferenzbasierten Training selbst angelegt ist. Damit verfehlt das System exakt das Kriterium, an dem Kapitel 3.2 den äußeren realen Anderen kenntlich gemacht hat: sich nicht unter Kontrolle bringen zu lassen, immer wieder zu überraschen, den Erwartungen nicht immer zu entsprechen. Ein auf Zustimmung optimiertes Gegenüber ist das strukturelle Gegenteil dieses Kriteriums. Es bleibt, was die Trainingslogik aus ihm macht: verfügbar.
Klinisch zeigt sich diese Trainingslogik als Deceptive Empathy und als Sycophancy (Iftikhar et al., 2025). Deceptive Empathy meint den empathischen Ausdruck ohne empathisches Erleben: Das System beherrscht die sprachliche Form der Anteilnahme, ohne dass ihr ein Spüren zugrunde liegt (vgl. Kap. 4.1). Täuschend ist das, weil die Klient*in der Form nicht ansehen kann, ob etwas mitschwingt. Die klinischen Auswirkungen behandelt Kapitel 5.2. Als Sycophancy wird die Tendenz von Sprachmodellen bezeichnet, der Nutzer*in zuzustimmen und ihre Sichtweise zu bestätigen, auch wenn diese unzutreffend oder schädlich ist. Gefälligkeit anstelle einer eigenen Position. Futschek (2023, S. 116) beschreibt diese Logik aus gestalttherapeutischer Sicht, und fragt in einem Gedankenexperiment, wie eine Therapeut*in sich verhalten müsste, um ein möglichst konfluentes Feld zu erzeugen: der Klientin erklären, wie alles funktioniert und was genau sie zur Besserung tun kann, die eigene Wahrnehmung als Realität anbieten, mit der Aufmerksamkeit ganz bei ihr sein und sich selbst dabei ausblenden, keine Widersprüche oder Gegenpositionen äußern, nicht auf Unterschiede hinweisen. Gedacht ist die Aufzählung als Übung zur Beziehungsgestaltung zwischen Menschen. Vor dem Hintergrund dieses Kapitels liest sie sich wie die Betriebsanleitung eines auf Zustimmung trainierten Sprachmodells.
Die Sycophancy erweist sich damit als das strukturelle Gegenteil dessen, was Beziehung wachsen lässt (vgl. Kap. 2.3): Sie vermeidet den Bruch, statt ihn zu riskieren, und verdeckt ihn, wo er entsteht. Doch selbst wo sie ihn nicht vermeidet, kann die KI mit einem Bruch nichts anfangen. Damit er bemerkt und repariert werden kann, braucht es eine Voraussetzung, die der Mensch-KI-Interaktion fehlt. Nach Stern verläuft der weitaus größte Teil der therapeutischen Beziehungsgestaltung implizit (vgl. Kap. 2.3).
Vieles bleibt unausgesprochen, und gerade dadurch entsteht der Spielraum, in dem Fehltritte möglich sind und wiedergutgemacht werden können. Ein Sprachmodell verfügt über keine solche Ebene. Was zwischen Nutzer*in und Maschine geschieht, geschieht vollständig in expliziten Zeichen. Zwischen zwei Menschen dagegen beginnt die Abstimmung vor allen Zeichen und Symbolen (vgl. Kap. 2.3). Daran ändert auch multimodale Technik nichts: Nimmt ein System Stimme, Mimik oder Haltung auf, macht es daraus Messwerte (vgl. Kap. 4.1). Die implizite Ebene ist eben keine Information, die sich erfassen lässt. Sie ereignet sich zwischen zwei Menschen.
Fehltritte macht die KI durchaus: Sie antwortet unpassend, sie kränkt, sie verletzt. Nur bemerkt sie es nicht, da sich die Kränkung zuerst implizit zeigt: in einem Blick, der erlischt, in einem Zögern, in einer Stimme, die kippt. Eine Therapeut*in nimmt das leiblich auf, noch bevor ein Wort darüber fällt. Die Maschine registriert nur den nächsten Text und der lautet oft genug, es sei alles in Ordnung. Der Chatbot der DVG-Tagung bemerkte die Tränen der Klientin nicht (vgl. Kap. 4.1): Das Signal war da, es kam in der Interaktion nicht vor. Hinzu kommt die fehlende Gegenrichtung: Eine Maschine kann nicht verletzt werden. Der Schaden trifft nur eine Seite. Damit fällt die gemeinsame Reparatur aus, denn sie ist kein einseitiger Akt: Sie verlangt, dass die Verletzte sich noch einmal zeigt und dass das Gegenüber davon berührt wird und sich verändert. Der Tanz, den Spagnuolo Lobb beschreibt, kommt so nicht zustande. Die Klientin bleibt mit dem Bruch allein.
Wo der Bruch verdeckt bleibt, kann er nicht heilen. Die japanische Kintsugi-Kunst verfährt umgekehrt: Sie repariert Brüche mit Gold, der Riss wird nicht versteckt, sondern zum Ort der Heilung. Die KI kann nicht zerbrechen. Also gibt es auch nichts zu reparieren. Was fehlt, ist kein Wissen, sondern die Fähigkeit zu zerbrechen.
Die Modelle werden rasant besser: Ihre Antworten werden flüssiger, treffender, überzeugender. Was dieser Fortschritt aber nicht hervorbringen kann, ist ein Leib oder eine Kontaktgrenze, denn beides lässt sich nicht errechnen. Die Grenze zur echten Begegnung bleibt bestehen, gleichgültig wie leistungsfähig die Systeme werden. Gerade therapeutisch wiegt das schwer: Nach Fuchs zielt Heilung darauf, dass die Person wieder eine antwortende Welt sucht und gestaltet, einen Resonanzraum, in dem sie sich als wirksam erfährt (Fuchs, 2023, S. 117–118; vgl. Kap. 3.2). Ein Gegenüber, das sich widerstandslos anpasst, verstärkt das Gegenteil: die Vermeidung des lebendigen Anderen, die Abwendung von jener Reibung, an der Beziehungsfähigkeit wächst.
Dass die KI ontologisch nicht zur Begegnung fähig ist, bedeutet nicht, dass sie in der Versorgungsrealität wirkungslos wäre. Kapitel 5 prüft, was als Werkzeug leisten kann (5.1), was ihr Einsatz in der therapeutischen Beziehung verspricht (5.2) und welche Gefahren daraus erwachsen (5.3).