KI und Gestalttherapie
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3.2 Embedded & Extended: Die Kontaktgrenze und das Feld

Die Gestalttherapie bricht mit der Idee eines isolierten Innenraums, in dem „Psyche” stattfindet. An seine Stelle setzen Perls, Hefferline und Goodman (1951/2019) das Self: Es findet nicht im Inneren statt, sondern geschieht als Prozess an der Grenze zwischen Organismus und Umwelt, der Kontaktgrenze. Diese Grenze ist zugleich physisch und psychisch. Physisch meint die Organe des Austauschs mit der Welt: Haut, Sinne, Atmung, Bewegung. Psychisch meint den Bereich, in dem Eigenes und Fremdes sich berühren, unterscheiden und beeinflussen.

Dies geschieht niemals in einer Person allein: Der Kontaktstil entsteht aus der Begegnung, er ist „not a one-person event”, „emergent from the dyad, not from the client” (Fogarty et al., 2016, S. 39). Bloom (2022, S. 72–73) schärft diesen Gedanken: Die Kontaktgrenze ist keine Linie, die zwei bereits bestehende Personen voneinander abgrenzt, sondern der Ort, an dem Kontakt und Self überhaupt erst entstehen. Beide Beteiligten „are emergent processes of the contact-boundary” (Bloom, 2022, S. 73): Sie gehen aus ihr hervor, anstatt sie herzustellen. Spagnuolo Lobb beschreibt das in einem Satz: „the sense of self is built in contact with another” (Spagnuolo Lobb, 2022, S. 20). Buber bringt es wie folgt auf den Punkt:

„Der Mensch wird am Du zum Ich.” (Buber, 2017, S. 34)

„Ich werde am Du […] Alles wirkliche Leben ist Begegnung” (Buber, 2017, S. 17)

Staemmler beschreibt denselben Gedanken: Im Unterschied zum „isolierten, fest umrissenen und stark individualisierten Selbst” entsteht das Selbst „in einer vorgängigen Relationalität, also in einer Bezogenheit auf Andere” (Staemmler, 2015, zit. n. Fuchs & Schmidsberger, 2024, S. 114).

Kontakt und Beziehung sind zwei unterschiedliche Begriffe. „Beziehung” im Sinn der Allianzforschung meint die dauerhafte Bindung zwischen Therapeut*in und Klient*in, eine Voraussetzung, die alle humanistischen Verfahren teilen (Bordin, 1979; Wampold, 2015). Kontakt meint demgegenüber das Ereignis an der Kontaktgrenze: den Akt im Hier und Jetzt, in dem ein Ich dem Fremden als Verschiedenem begegnet und Neues annimmt. Kontakt ist dabei das Primäre und die dauerhafte Beziehung erwächst erst aus dem wiederholten Kontakt.

Kontakt setzt dabei zwei getrennte Wesen voraus, die verschieden bleiben (Perls, Hefferline & Goodman, 1951/2019). Yontef bestimmt Kontakt entsprechend als das Erleben der Grenze zwischen „Ich” und „Nicht-Ich”: das Sich-Einlassen auf das Nicht-Ich bei gleichzeitiger Wahrung einer davon getrennten Selbstidentität (Yontef, 1993). Erst diese gewahrte Getrenntheit macht Kontakt möglich.

Die Kontaktgrenze steht immer in einem umfassenderen Zusammenhang: dem Feld.

Die Feldtheorie geht auf Lewin (1936/1969) zurück und wurde von Perls, Hefferline und Goodman (1951/2019) für die Gestalttherapie nutzbar gemacht. Sie gilt als eine wichtige wissenschaftliche Grundlage der Gestalttherapie (Fogarty et al., 2016, S. 38). Fuchs (2023, S. 115) ordnet den gestalttherapeutischen Feldbegriff ausdrücklich den Konzepten des extended mind und der embedded cognition zu. Begegnung ist immer in ein Organismus-Umwelt-Feld eingebettet (embedded) und reicht zugleich über die Hautgrenze hinaus in ein geteiltes Feld (extended).

Was dieses Feld umfasst, gliedert der Konsens in drei Aspekte: das erlebte (experiential), das relationale (relational) und das weitere, sozial-historisch-kulturelle Feld (wider field; Fogarty et al., 2016, S. 38). Das relationale Feld, verstanden als der Raum zwischen zwei Personen, stellt den Ort der Begegnung dar. Dieser Raum existiert stets, sobald zwei Personen einander gegenüberstehen. Ob in ihm jedoch tatsächlich eine Begegnung stattfindet, bleibt ungewiss. Genau das benennt Bubers Zwischen (Kap. 2.2): nicht den Raum, sondern das Ereignis, das sich in ihm einstellen kann oder eben ausbleibt. Das Feld ist also immer da. Das Zwischen muss sich ereignen.

Dieses Feld ist kein Zustand, sondern ein Prozess. Votsmeier-Röhr und Wulf (2024, S. 61) halten fest, dass die Wirkung nicht einseitig von der Therapeutin auf die Klientin zustande kommt, sondern wechselseitig. Es bedarf dafür der Bereitschaft der Therapeut*in, sich selbst und die eigenen Vorstellungen im Dialog verändern zu lassen. Fuchs (2023, S. 177) bezeichnet diese Wechselseitigkeit als horizontale Zirkularität: die Beteiligten geraten „in eine Eigendynamik der Interaktion, die nicht aus dem Verhalten der einzelnen Partner ableitbar ist”.

Nach diesem Verständnis findet auch Leiden nicht im Inneren statt: „Der Patient ist krank, das heisst, seine Welt ist krank” (van den Berg, 1972, S. 46, zit. n. Fuchs & Schmidsberger, 2024, S. 114). Das verändert den Status der therapeutischen Beziehung: Sie ist nicht allein Mittel der Therapie, sondern zugleich ihr Zweck (Votsmeier-Röhr & Wulf, 2024, S. 58). Nicht die Therapeut*in behandelt die Klient*in, sondern beide sind Teilnehmer*innen eines geteilten Wir-Feldes, das ihre Begegnung erst ermöglicht. Die Therapeut*in erkennt sich damit als „Funktion eines Feldes” und liest ihre leibliche Awareness als Information über die aktuelle Feldkonstellation (Fogarty et al., 2016, S. 39).

Wie dieses Feld funktioniert, beschreiben fünf Prinzipien. Sie gehen auf Parlett (1991) zurück, werden bei Wegscheider (2020, S. 144–148) referiert und kehren im internationalen Konsens wieder (Fogarty et al., 2016, S. 38). Vier der fünf finden bei Fuchs eine phänomenologische Entsprechung.

Das Prinzip der Organisation (das Feld hat eine aus der Interaktionsgeschichte gewachsene Struktur) bedeutet, dass eine Begegnung nie bei null beginnt. In jeder Begegnung bildet sich zwischen zwei Menschen ein eigenes Muster, das von der Vorgeschichte des Systems abhängig ist: Fuchs (2023, S. 109–110) beschreibt das als Pfadabhängigkeit leiblich sedimentierter Muster. Auch nach Jahren geht man mit einem guten Freund sofort wieder auf vertraute Weise um. Das Feld „erinnert” sich leiblich.

Das Prinzip der Gleichzeitigkeit: alle Aspekte wirken zugleich. Im Gefühlskreis modifizieren sich Ausdruck und Eindruck beider fortlaufend und wechselseitig. Es entsteht ein zirkulärer Prozess, in dem schon der Kontakt der Blicke beide verändert (Fuchs, 2023, S. 112; vgl. Kap. 2.3).

Das Prinzip der Einzigartigkeit besagt, dass jede Interaktion ein einmaliges, nicht wiederholbares Muster erzeugt. Wer die Klient*in in diesem Augenblick ist, entsteht in dieser Begegnung neu: Die Frage „Wer bin ich jetzt?“ hat keine feste Antwort, sondern ist ein Prozess der Kokreation.

Das Prinzip des sich verändernden Prozesses: Das Wir-Feld wird von Moment zu Moment neu erschaffen: Nicht nur die Klient*in verändert sich. Aus den zirkulären Prozessen werden über die Zeit Spiralen. Fuchs (2023, S. 178) spricht von einer Spiraldynamik, in der beide Leiber sich wechselseitig verändern (ausführlich in Kap. 3.3).

Schließlich besagt das Prinzip der möglichen Relevanz, dass alles im Feld bedeutsam werden kann. Seine phänomenologische Entsprechung ist Fuchs’ Lebensraum (2023, S. 115): Der Raum zwischen zwei Menschen ist kein gemessener in Zentimetern, sondern ein leiblich gefühlter: Derselbe Abstand kann sich nah oder fern anfühlen, eng oder weit, je nachdem, was zwischen beiden geschieht. Jedes Räuspern, jeder Blickwechsel, jede Sitzhaltung kann ins Gewicht fallen und den Gefühlskreis aktivieren.

Ob sich das Zwischen ereignet, hängt von zweierlei ab: von einem Feld, das antwortet, und von einer Person, die ihrerseits antwortet. Fuchs (2023, S. 117) nennt das eine den Resonanzraum, das andere die Responsivität.

Der Resonanzraum ist eine Umgebung, die auf die Äußerungen der Person antwortet und für ihre Möglichkeiten passende Angebote bereithält: eine fortlaufende zirkuläre Rückkoppelung zwischen den Äußerungen einer Person und den Reaktionen ihrer Umgebung, ein „beantwortetes Wirken”. Für die Praxis heißt das: Das Feld ist kein neutraler Behälter, in dem Kommunikation abläuft. Es antwortet selbst, getragen von der leiblichen Präsenz der Therapeut*in. Diesen Raum gestaltet sie nicht nur durch das, was sie sagt, sondern durch die leibliche Qualität ihres Daseins. Spürbar wird das als leibliche Atmosphäre. Was Fuchs als Gefühlskreis zwischen zwei Leibern beschreibt (vgl. Kap. 2.3), zeigt sich im Therapieraum als „dicke Luft”, „verhaltene Spannung” oder „geladene Stille” (Fuchs & Schmidsberger, 2024, S. 114).

Den zweiten Begriff, die Responsivität, übernimmt Fuchs (2023, S. 117) von Waldenfels (1998): die Fähigkeit einer Person, auf die Anforderungen ihrer Umwelt zu antworten, ohne in Konformismus oder Abhängigkeit zu geraten und den „eigenen Stempel” zu verlieren. Responsivität bedeutet eine Antwort mit eigener Stimme, nicht Angleichung und nicht Spiegelung. Bloom (2022, S. 78) hat diese responsive Phänomenologie gestalttherapeutisch zur responsivity of contacting ausgearbeitet und dabei zwei Seiten unterschieden: die responsivity, das Sich-berühren-Lassen, das jeder Antwort vorausgeht, und das responding, das eigene Antworten mit eigener Stimme. Kontakt entsteht erst, wo beides zusammenkommt. Damit findet die in Kap. 2.2 entwickelte Unterscheidung ResonanzEcho ihr phänomenologisches Pendant. Auch der Konsens bestätigt das: Dialogisches Arbeiten heißt ausdrücklich nicht, dass die Therapeut*in spiegelt oder allem zustimmt. Im Gegenteil gehören echte Momente der Dissonanz dazu, die transparent gemacht werden (Fogarty et al., 2016, S. 36). Der „eigene Stempel” ist die Bedingung dafür, dass Begegnung möglich wird: ohne Andersheit kein Zwischen.

Verliert die Grenze diesen „eigenen Stempel”, wird sie dysfunktional. Dafür hat die Gestalttherapie mit Perls, Hefferline und Goodman (1951/2019) folgende Begriffe als Kontaktstörungen, also Störungen der Kontaktgrenze selbst, eingeführt:Fußnote 1 Der klassische Katalog kennt in erweiterter Form sieben Kontaktstile (Desensibilisierung, Deflexion, Egotismus, Introjektion, Retroflexion, Projektion, Konfluenz), die der Konsens als gepaarte Kontinua reformuliert (Fogarty et al., 2016, S. 38–39). Diese Arbeit fokussiert die vier klassischen Störungen, an denen sich die Achse von Konfluenz und Differenzierung zeigt.

In der Konfluenz löst sich die Grenze auf: kein „eigener Stempel” mehr, in den Begriffen von Fuchs (2023, S. 117) der Verlust der Responsivität, das Kippen in Konformismus. Wo niemand mehr von der*dem anderen unterschieden ist, kann Kontakt nicht mehr stattfinden.

In der Retroflexion wird die Grenze starr, der nach außen drängende Impuls wird gegen das eigene Selbst gewendet: Der Lebensraum verengt sich (im Anschluss an Fuchs, 2023, S. 115).

In der Projektion wird Eigenes (z. B. ein Gefühl, ein Impuls, eine Absicht) dem Fremden zugeschrieben, statt als Eigenes anerkannt zu werden.

In der Introjektion verliert die Grenze ihren Filter: Fremde Normen werden ungeprüft „geschluckt”. Fuchs (2023, S. 117) nennt es die Abhängigkeit, „die den eigenen Stempel nicht mehr erkennen lässt”.

Diese Muster waren einmal sinnvolle Lösungen, schöpferische Anpassungen an eine Situation, die nichts Besseres zuließ (Fogarty et al., 2016, S. 38–39). Sie zeigen sich als Beziehungsmuster im Umgang mit anderen, also im Zwischen-Raum (Fuchs & Schmidsberger, 2024, S. 114).

Allen vier Mustern liegt dieselbe Frage zugrunde: Wie viel Eigenes bleibt im Kontakt gewahrt? Der Konsens beschreibt dieses Spannungsfeld als Kontinuum von confluence und differentiation (Fogarty et al., 2016, S. 38–39). Differenzierung meint dabei keine Distanz, sondern dass an der Grenze überhaupt zwei da sind, zwischen denen Neues geschehen kann. Buber hat das als doppelte Bewegung beschrieben: In Beziehung treten lässt sich nur zu einem selbstständig gewordenen Gegenüber (Buber, 1962, S. 412, zit. n. Votsmeier-Röhr & Wulf, 2024, S. 58). Die Urdistanz ermöglicht, den Anderen in seiner Andersheit gelten zu lassen, statt ihn zu verdinglichen (Votsmeier-Röhr & Wulf, 2024, S. 61; vgl. Kap. 4.2). Der Andere existiert als „äußerer Anderer” unabhängig von mir, erkennbar daran, dass er sich nicht unter Kontrolle bringen lässt, immer wieder überrascht und den eigenen Erwartungen nicht immer entspricht. „Anderheit ist keine konsumierbare Differenz” (Votsmeier-Röhr & Wulf, 2024, S. 88).

Wer zum Feld gehört, prägt es durch sein Handeln. Mit jeder Intervention wirkt die Therapeut*in in das Feld hinein. Daraus erwächst eine Verantwortlichkeit (Wegscheider, 2020, S. 163 f., im Anschluss an Yontef). Das englische response-able trifft es genau: antwortfähig zu sein heißt zugleich, für das eigene Wirken einzustehen und sich bewusst zu bleiben, dass man das Feld immer mitgestaltet. Das Gegenüber ist dabei „nie bloßes Untersuchungsobjekt”, sondern ein leidender Mitmensch, dessen Leid geteilt und anerkannt wird (Fuchs & Schmidsberger, 2024, S. 114).

Wie sich Begegnung an dieser Grenze vollzieht, ist die Frage des folgenden Kapitels.

Fußnoten

  1. Der klassische Katalog kennt in erweiterter Form sieben Kontaktstile (Desensibilisierung, Deflexion, Egotismus, Introjektion, Retroflexion, Projektion, Konfluenz), die der Konsens als gepaarte Kontinua reformuliert (Fogarty et al., 2016, S. 38–39). Diese Arbeit fokussiert die vier klassischen Störungen, an denen sich die Achse von Konfluenz und Differenzierung zeigt.