KI und Gestalttherapie
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3.3 Enacted: Gegenwärtigkeit im Hier und Jetzt

Die phänomenologische Tradition ordnet menschliches Erleben einer Reihe von Grundformen zu: Selbsterleben, Leiblichkeit, Räumlichkeit, Zeitlichkeit, Intersubjektivität und Lebenswelt (Fuchs & Schmidsberger, 2024, S. 114). An der Zeitlichkeit setzt der gegenwärtige Vollzug therapeutischer Arbeit an: Die Gestalttherapie richtet sich auf das unmittelbare Erleben und nicht auf dessen nachträgliche Deutung (Fogarty et al., 2020, S. 496).

Die Gestalttherapie vertritt seit ihren Anfängen eine klare Position: Veränderung erfolgt nicht durch die Einsicht in vergangene Ereignisse, sondern durch deren erfahrbaren Vollzug im gegenwärtigen Moment (Perls, Hefferline & Goodman, 1951/2019). Der Grund liegt im Organismus selbst: Er existiert ausschließlich in der Gegenwart. Erinnerungen von gestern und Erwartungen an morgen wirken nur, wenn sie gegenwärtig präsent sind (Lewin, 1963, zit. n. Votsmeier-Röhr & Wulf, 2024, S. 44; vgl. Kap. 3.2). Yontef hat diese Gegenwartsbindung präzise gefasst: Der Akt des Erinnerns geschehe jetzt, das Erinnerte sei nicht jetzt. Der Vollzug des Gewahrwerdens ist immer gegenwärtig, auch wenn sein Inhalt in der Vergangenheit liegt (Yontef, 1993). Der internationale Konsens bestätigt dies unabhängig: „the act of remembering the past or anticipating the future occurs in the present” (Fogarty et al., 2016, S. 37). Diese Gegenwartsbindung bedeutet aber nicht, dass die Geschichte einer Person übergangen wird: Jede*r bringt die eigene Geschichte als leiblich sedimentiertes Muster mit, und auch das Feld zwischen beiden hat, wie in Kap. 3.2 gezeigt, seine eigene Vorgeschichte.

Die gestalttherapeutische Praxis selbst warnt jedoch davor, sich ganz auf das Hier und Jetzt zu beschränken: Was gerade auftaucht, wird oft erst verständlich, wenn man es auf die Lebensgeschichte der Person bezieht (Wheeler, 1998, zit. n. Skottun & Krüger, 2022, S. 52 f.). Diese Geschichte holt die Therapeut*in aber nicht durchs Erklären herein, sondern indem sie sie im gegenwärtigen Erleben aufgreift. Für Laura Perls muss die tatsächliche Erfahrung nicht erklärt oder gedeutet werden: sie lässt sich im Hier und Jetzt unmittelbar berühren, spüren und beschreiben („directly contacted, felt and described in the here and now”, zit. n. Fogarty et al., 2016, S. 37).

In der Praxis lädt die Therapeut*in die Klient*in immer wieder ein, das, worüber sie spricht, jetzt zu zeigen: als leibliche Geste, als aktuelle Empfindung, als gegenwärtige Beziehung zur Therapeut*in. Die Sprache wird dabei nicht abgewertet, sondern durch Präsenz, Spüren und Handeln ergänzt. Selbst eine alte Geschichte lässt sich in die Gegenwart holen, indem die Therapeut*in fragt, wie es sich anfühlt, sie gerade jetzt zu erzählen (Fogarty et al., 2016, S. 37).

Gestalttherapie ist kein Besprechen: Sie zielt auf den gegenwärtigen, leiblich spürbaren Vollzug der Erfahrung. Warum dadurch überhaupt Veränderung möglich wird, erklärt die paradoxe Theorie der Veränderung (Beisser, 1970). Ziel der Therapie ist danach nicht, sich zu ändern, sondern das, was ist, so vollständig wie möglich zu erfahren: „the focus of the therapy is not to change, but to embrace as fully as possible all aspects of an experience, by increasing awareness of that experience” (Fogarty et al., 2016, S. 37). Veränderung folgt der Annahme, nicht der Absicht.Fußnote 1 Die Bezeichnung als paradox ist zuletzt kritisch geprüft worden: Scheidl (2025, S. 42) zeigt, dass Beissers Theorem keinen tatsächlichen Widerspruch enthält, sondern ein kohärentes Wirkprinzip beschreibt: Veränderung, weil Einlassen auf das Gegenwärtige.

Perls, Hefferline und Goodman (1951/2019) haben den Kontakt als zyklisches Geschehen beschrieben: Ein Bedürfnis taucht auf, nimmt Gestalt an, wird zur Figur und findet im gelungenen Kontakt seine Form, bevor es wieder in den Grund zurücktritt. Ursprünglich wurden dabei vier Stufen unterschieden: Vorkontakt, Kontaktaufnahme, Vollkontakt und Nachkontakt. Der fachliche Konsens hält an dieser Struktur bis heute fest (Fogarty et al., 2016, S. 39).

Votsmeier-Röhr und Wulf (2024, S. 89–91) führen diese Struktur in einem vollständigen Kontaktzyklus-Modell weiter und unterscheiden darin für jede Kontaktdomäne die Relation Ich-Es von der Relation Ich-Du (vgl. Kap. 2.2): Dasselbe Gegenüber lässt sich zweckgerichtet beeinflussen oder mit zweckfreiem Interesse ansprechen. Interpersoneller Kontakt bleibt dabei stets eine Mischung aus dem Kontakt mit dem inneren Bild, der Phantasie vom Anderen (Subjekt-Objekt), und dem Kontakt mit dem äußeren, realen Anderen (Subjekt-Subjekt), der wechselseitige Anerkennung einschließt (Votsmeier-Röhr & Wulf, 2024, S. 91)

Der Zyklus ist ein leiblicher, vorsprachlicher Vollzug und beginnt, lange bevor etwas gesagt wird. Sein phänomenologisches Fundament beschreibt Fuchs (2023, S. 108–109) als dynamische Kopplung, als einen fortlaufender Dialog zwischen Organismus und Welt: Was ein Lebewesen tut, verändert seine Umgebung, und die veränderte Umgebung ruft seine nächste Bewegung hervor. Jede einzelne Phase kann unterbrochen werden, etwa durch die in Kap. 3.2 beschriebenen Muster von Konfluenz oder Retroflexion. Dann kommt es nicht zum Vollkontakt: Das Bedürfnis findet keine Form, und der Kontakt bricht auf halbem Weg ab (Fogarty et al., 2016, S. 39). Die therapeutische Frage lautet dann, an welcher Stelle das Erleben abbricht und wie die Therapeut*in mit ihrer eigenen leiblichen Präsenz (Kap. 3.1) im geteilten Feld (Kap. 3.2) diese Stelle behutsam wieder erreichbar macht.

Feuerbach (2022) beschreibt aus der gestalttherapeutischen Arbeit mit Paaren, wie sich dieser Zyklus leibhaftig durchschreiten lässt: Im Tango-typischen Miteinander-Gehen, dem El Caminar, kann bereits in einem einzigen gemeinsamen Vorwärtsschritt ein vollständiger Kontaktzyklus gelingen (Feuerbach, 2022, S. 99). Diesen Schritt gliedert er in acht idealtypische Phasen vom Gewahren bis zum Sammeln (Feuerbach, 2022, S. 98). Impulsgeben und Antworten versteht er dabei nicht als aktives Führen und passives Folgen, sondern als gleichermaßen eigenständige, vitale Vollzüge (Feuerbach, 2022, S. 106–107). Was die Tanzenden so voneinander erfahren, den Rhythmus, die Spannung, die Dynamik des anderen, lernen sie kennen, wie sie „es nicht unbedingt in Worte fassen könnten oder auch würden” (Feuerbach, 2022, S. 108). In der Bewegung zweier Leiber wird unmittelbar erfahrbar, was Kap. 2.3 als implizites Beziehungswissen beschrieben hat.

Jeder Organismus antwortet auf seine Situation eigenständig und neu: Perls, Hefferline und Goodman (1951/2019) nennen das die schöpferische Anpassung (creative adjustment). In der Begegnung antworten zwei Subjekte aufeinander, und aus ihren Antworten entsteht etwas, das keiner von beiden allein hervorbringt. Es ist die Eigendynamik, die in Kap. 3.2 als horizontale Zirkularität eingeführt wurde: Sie führt beide an „nicht intendierte, überraschende Punkte” (Fuchs, 2023, S. 177), ein gemeinsames Sense-Making (participatory sense-making, De Jaegher & Di Paolo, 2007, zit. n. Fuchs, 2023, S. 177): Sinn entsteht nicht in einem einzelnen Kopf, sondern im gemeinsamen Vollzug. Das Neue entsteht im Zwischen, nicht in einem der beiden Subjekte. Die Therapeut*in kann es nicht herstellen. Sie kann nur die Bedingungen schaffen, unter denen es entsteht.

Ihren klinischen Ausdruck findet diese Qualität im gestalttherapeutischen Experiment. Es entsteht aus dem Material, das in der Begegnung selbst auftaucht, und wird von Klient*in und Therapeut*in gemeinsam hervorgebracht (Fogarty et al., 2016, S. 40): eine Geste, die übertrieben oder umgekehrt wird, eine leibliche Anordnung, ein Satz, der ausgesprochen werden darf. Entscheidend ist, dass die experimentelle Haltung ein Prozess bleibt, „a process rather than a method or technique” (Fogarty et al., 2016, S. 40). Dass selbst der scheinbar technische leere Stuhl dialogisch verwurzelt ist, bestätigt Staemmlers Praxeologie, die „expressis verbis in eine leibphänomenologisch unterlegte dialogische Selbsttheorie eingebettet” ist (Fuchs & Schmidsberger, 2024, S. 114–115).

Ein Experiment ist immer auch riskant und wird an die Belastbarkeit der Klient*in angepasst, „graded for risk and challenge”: Die Therapeut*in fragt nach und dosiert entsprechend. Zugleich achtet sie darauf, dass ein Experiment beschämen oder die Beziehung verletzen kann (Fogarty et al., 2016, S. 40). Die Resonanz zwischen Therapeut*in und Klient*in ist dabei das Instrument, an dem sich das Experiment orientiert. Sein Ausgang ist offen und gerade deshalb kann etwas wirklich Neues entstehen: „a fresh figure of clarity”, ein neues, klareres Gewahrsein (Fogarty et al., 2016, S. 40).

Yontef beschreibt diese Offenheit als Grundlage des dialogischen Kontakts:

„Ein dialogischer Kontakt beginnt damit, seinen Willen an die Grenze zu bringen, alles Weitere erfordert die Antwort und das Wohlwollen des Anderen. […]” (Yontef, 1999, S. 61, zit. n. Votsmeier-Röhr & Wulf, 2024, S. 183, gekürzt).

Unvoreingenommenheit und Überraschung sind nach Wegscheider (2020, S. 83) die Basis dieser experimentellen Haltung. Auch der Konsens bestätigt, dass diese Haltung die gesamte gestalttherapeutische Arbeit durchzieht: „the whole of GT is experimenting — experimenting with contacting, presence, self-disclosure, embodiment, challenge, support” (Fogarty et al., 2016, S. 40).

Wo dieses Experimentieren gelingt, kann sich ein Moment of Meeting ereignen (vgl. Kap. 2.3): Ein Now Moment wird nicht routiniert überspielt, sondern authentisch aufgenommen. Planen oder technisch herbeiführen lässt er sich nicht. Die Therapeut*in muss bereit sein, sich berühren zu lassen, statt in eine vertraute Intervention auszuweichen. Ihre Antwort kommt dann nicht aus der Berechnung, sondern aus jenem prä-reflexiven leiblichen Mitvollziehen, das in Kap. 2.3 anhand der Tanz-Analogie beschrieben wurde (Fuchs, 2023). Fuchs selbst verweist auf Sterns Gegenwartsmomente: Wendepunkte, die beide Partner auf eine neue Stufe der Beziehung führen (Fuchs, 2023, S. 178, Fn. 65).

Eine tragfähige Beziehung erfordert allerdings mehr als nur einen solchen Moment. Erst wenn sich gelingender Kontakt über viele Begegnungen hinweg wiederholt, kann sich die Spiraldynamik, die in Kap. 3.2 bereits angeklungen ist, voll entfalten. Zirkuläre Prozesse ergeben, um die Dimension der Zeit erweitert, Spiralen (Fuchs, 2023, S. 178). Jedes Durchlaufen einer Interaktion hinterlässt leibliche Spuren, und die nächste Interaktion setzt bereits an einem veränderten Punkt an. Der Kontaktzyklus ist also kein geschlossener Kreis, der immer wieder an denselben Ausgangspunkt zurückkehrt, sondern eine Bewegung, die sich über die Zeit fortschreibt.

Fuchs (2023, S. 179) formuliert ausdrücklich, dass „gerade im therapeutischen Kontext auch Positivspiralen erzeugt werden können, etwa durch die vertrauensvolle therapeutische Beziehung selbst”. So wächst zwischen Therapeut*in und Klient*in ein Feld, das tiefer und tragfähiger wird. Getragen sein muss die Spirale dabei von beiden Seiten: Auch die Therapeut*in wird berührt. Ohne diese wechselseitige Veränderung entsteht keine Spirale, sondern bloße Wiederholung. Was sich zeitlich als Spirale entfaltet, entspricht der wechselseitigen Zirkularität, die in Kap. 3.2 beschrieben wurde (Fuchs, 2023, S. 177).

Leib (Kap. 3.1), Feld (Kap. 3.2) und Gegenwart (Kap. 3.3) sind drei Perspektiven auf ein und dasselbe Geschehen. Fuchs und Schmidsberger (2024, S. 114) sprechen von Verfahren, die „dem verkörperten Beziehungsgeschehen im Hier und Jetzt besondere Aufmerksamkeit zuwenden”. Die Gestalttherapie lebt genau davon: Heilung geschieht nicht durch Technik, sondern in der Begegnung, die sich über gelingende Kontakte zur Positivspirale vertieft. Diese Spirale braucht zwei leibliche Subjekte. Ob eine solche Begegnung auch mit einem Gegenüber ohne Leib möglich ist, prüft das folgende Kapitel.

Fußnoten

  1. Die Bezeichnung als paradox ist zuletzt kritisch geprüft worden: Scheidl (2025, S. 42) zeigt, dass Beissers Theorem keinen tatsächlichen Widerspruch enthält, sondern ein kohärentes Wirkprinzip beschreibt: Veränderung, weil Einlassen auf das Gegenwärtige.