KI und Gestalttherapie
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2.3 Zwischenleiblichkeit und Intersubjektivität: Der leibliche Vollzug der Begegnung (als Kern der therapeutischen Beziehung)

In der klassischen Kognitionswissenschaft ist Verstehen nichts anderes als Informationsverarbeitung im Gehirn: Das Gehirn gilt dabei als eine Art Computer, der Daten verarbeitet und innere Abbilder (Repräsentationen) der Außenwelt erstellt. Das Konzept von Varela, Thompson und Rosch aus dem Jahr 1991 (vgl. Fuchs, 2023, S. 35) bricht mit dieser Perspektive und stellt den lebendigen und handelnden Organismus in den Mittelpunkt.

„Kognition ist nicht die Repräsentation einer vorgegebenen Welt durch ein vorgegebenes Bewußtsein, sondern vielmehr das Hervorbringen einer Welt und eines Bewußtseins […].” (Varela, Thompson & Rosch, 1992, S. 15, gekürzt)

Varelas Forschungsansatz wird als Enaktivismus (embodied and enactive cognition) bezeichnet. Die Welt wird nicht durch interne Mechanismen abgebildet, sondern durch aktives, leibliches Handeln im wahrsten Sinne des Wortes begriffen. Kognition ist demnach kein Vorgang, der ausschließlich im Kopf stattfindet, sie entsteht vielmehr aus dem ständigen und dynamischen Zusammenspiel von Gehirn, Leib und Umwelt. Das Gehirn ist in diesem Bild kein Repräsentationsapparat, sondern ein Beziehungs- und Resonanzorgan, das die Interaktionen des Leibes mit seiner Umwelt vermittelt (Fuchs, 2025a).

Thomas Fuchs überträgt diesen Ansatz auf die soziale Kognition, also auf die Frage, wie ein Mensch einen anderen versteht. Seine Antwort lautet: nicht durch innere Nachbildung. Die Klientin wird nicht im Kopf der Therapeut*in „simuliert” und dort ausgewertet. Verstehen geschieht zwischen beiden, in leiblicher Interaktion, an der beide teilhaben und die keiner allein hervorbringt (Fuchs, 2023, S. 108). Fuchs sieht deshalb im Enaktivismus eine „vielversprechende Basis für ein neues Paradigma der Psychiatrie” (Fuchs, 2023, S. 35). Der Mensch ist ein mit seiner Umwelt verwobener Organismus und keine Informationsmaschine. (Fuchs, 2023, S. 37–38).

Diese leibliche Bezogenheit ist keine Entdeckung der aktuellen Kognitionsforschung. Die phänomenologische Tradition hat sie lange zuvor beschrieben. Das bewusste Erleben wird in der Phänomenologie als ein aktives „Zur-Welt-Sein” (Merleau-Ponty, zit. n. Bermes, 1998, S. 70–77) durch das Medium des spürenden Leibes beschrieben. In diesem Modell wirken sich persönliche Erfahrungen in der Welt selbst aus und sind nicht bloß Begleiterscheinungen von Hirnprozessen. Merleau-Ponty unterscheidet zwei Weisen, in denen ein Mensch sich selbst erfährt. Als Körper ist er ein vermessbares, behandelbares, von außen betrachtetes Objekt. Als Leib ist er der gelebte Körper: das, womit ein Mensch überhaupt wahrnimmt, sich bewegt und der Welt begegnet. Ein Mensch hat einen Körper, aber er ist sein Leib. Nur ein Leib kann affiziert werden und antworten. Ein Objekt kann das nicht (Merleau-Ponty, zit. n. Bermes, 1998, S. 70–77; vgl. Fuchs, 2023, S. 107). Merleau-Ponty fasst den Leib nicht als Objekt unter Objekten, sondern prägt für die wechselseitige leibliche Bezogenheit den Begriff der Interkorporalität (Zwischenleiblichkeit): Das Lächeln des Gegenübers wird nicht als Muskelkontraktion registriert und nachträglich gedeutet, sondern als Ausdruck unmittelbar leiblich mitvollzogen.

Menschliches Erleben ist immer zugleich verkörpert (embodied), also an den lebendigen Organismus (den Leib) gebunden. Es ist vollziehend (enactive), im Handeln entstehend in der ständigen Interaktion mit der Umwelt. Es ist ausgedehnt (extended) über die Leibgrenzen hinaus in Raum, Werkzeuge und andere Menschen und eingebettet (embedded) in einen konkreten Kontext. Und es ist affektiv (emotive) grundiert, von Motiven und Emotionen getragen. Diese fünf Dimensionen wirken nicht nacheinander, sondern stets gleichzeitig und werden in Erweiterung der 4E-Ansätze als 5E-Kognition bezeichnet.

In seinem Paradigma der Psychiatrie als Beziehungsmedizin zieht Fuchs daraus die klinische Konsequenz: Heilung ist nicht die Reparatur eines isolierten Gehirns, sondern das Einwirken auf das ökologische, leibliche Gesamtsystem zweier Menschen im Kontakt (Fuchs, 2023). Was dieses Einwirken im Therapieraum konkret bedeutet, zeigt der leibliche Vollzug der Begegnung.

Die Begegnung mit anderen Personen beruht, so Fuchs, auf Wechselseitigkeit. Diese Wechselseitigkeit manifestiert sich nicht ausschließlich auf der sprachlichen Ebene:

„[…] getragen von präreflexiven, d.h. nicht fokal bewussten Prozessen der non-verbalen Interaktion, die sich mit einem von Merleau-Ponty (2003) geprägten Begriff auch als „Zwischenleiblichkeit” bezeichnen lassen.” (Fuchs, 2023, S. 107, gekürzt)

In der Begegnung zweier Menschen entsteht nach Fuchs (2023, S. 107) ein übergreifendes System, das durch eine zwischenleibliche Resonanz gekennzeichnet ist. Über nonverbale Kanäle wie Mimik, Gestik, Blickkontakt oder Stimme treten die Beteiligten in eine dynamische Kopplung ein. Fuchs veranschaulicht diese wechselseitige „Inkorporation” am Beispiel eines tanzenden Paares: Die eigenen Leibempfindungen dehnen sich aus und integrieren die Impulse des Anderen, wodurch eine geteilte, zwischenleibliche Erfahrung entsteht.

Abbildung 1: Zwischenleibliche Resonanz (vgl. Fuchs, 2023, S. 112).

Emotionen sind für Fuchs (2023, S. 112) keine rein inneren Zustände, sondern interaktive Prozesse. In der Begegnung verschränken sich die „Gefühlskreise” der Beteiligten: Der leibliche Ausdruck einer Person (z. B. Zorn) übersetzt sich unmittelbar in einen leiblich-emotionalen Eindruck beim Gegenüber (etwa Anspannung), und diese Reaktion wird im selben Moment wieder zum Ausdruck für die erste Person. Es entsteht ein unbewusster, zirkulärer Resonanzprozess, in dem sich Emotion und Affektion kontinuierlich, in Sekundenbruchteilen wechselseitig modifizieren (Interaffektivität, vgl. Abbildung 1).

Eine Affektion, das Berührtwerden durch das Leid der Klientin, ist damit stets eine KoAffektion. Der eigene Leib fungiert in der Begegnung als sensibler Resonanzboden: Therapeut*innen erkennen die affektive Not, die Anspannung oder das Zögern nicht nur kognitiv, sondern erfahren sie unmittelbar als eigenleibliche Resonanz, noch bevor ein Wort gesprochen ist.

„Es entsteht ein dynamisches Wechselspiel, eine zwischenleibliche Resonanz, die auch der Empathie mit dem anderen zugrunde liegt.” (Fuchs, 2023, S. 111)

Dieses leibliche Mitschwingen setzt eine Erfahrungsgeschichte voraus, die jeder Mensch in die Begegnung mitbringt. Diese Geschichte beginnt lange vor dem ersten Wort. Schon im ersten Lebensjahr stimmen Mutter und Kind sich aufeinander ab. Daniel Stern nennt das Affektabstimmung. Ausgetauscht werden dabei keine Zeichen und keine Symbole: Die Mutter greift auf, wie kräftig eine Regung des Kindes ist, in welchem Rhythmus sie verläuft und wie lange sie anhält, und antwortet darauf mit eigenem Ausdruck (Stern, 1993, S. 203, 218, zit. n. Schorn, 2020, S. 44). In dieser vorsprachlichen Abstimmung liegt der Ursprung der Intersubjektivität (Schorn, 2020, S. 44). Stern, auf den Fuchs sich ebenso bezieht (Fuchs, 2023, S. 178), spricht von implizitem Beziehungswissen: Das tiefste Wissen darüber, wie ein Mensch mit anderen in Beziehung tritt, ist prozeduralFußnote 1 Prozedurales Wissen ist das Wissen, wie etwas geht, im Unterschied zum deklarativen Wissen, dass etwas so ist. Deklaratives Wissen lässt sich aussprechen und weitergeben; prozedurales steckt im Vollzug. Radfahren, Schwimmen, ein Instrument spielen: Niemand kann es durch Beschreibung erlernen, und wer es kann, kann es meist nicht erklären. Beziehungswissen ist in diesem Sinn prozedural — wie nahe ein Mensch tritt, wie lange er wartet, bevor er antwortet, wann er wegsieht. Erworben wurde es durch gelebte Erfahrung, und nur durch neue gelebte Erfahrung verändert es sich, nicht dadurch, dass darüber gesprochen wird. und präverbal, nonverbal, nicht symbolisch und nicht bewusst reflektiert (Stern, 2006, S. 28; Stern, 2005, S. 123). Es schließt Affekte, Erwartungen, Aktivierungs- und Motivationsschwankungen ebenso ein wie Denkstile (Stern, 2005, S. 127; Stern, 2006, S. 28).

Der psychotherapeutische Prozess lässt sich in zwei Ebenen unterteilen: Neben der expliziten, inhaltlichen Ebene existiert eine implizite Ebene. Hier steht nicht das verbal Gesprochene im Fokus, sondern wie Klientin und Therapeutin miteinander umgehen. Dieses implizite Wissen bildet, so Stern (2006, S. 28), auch die Basis für Übertragung und Gegenübertragung. Die Regulierung des intersubjektiven Feldes verläuft größtenteils implizit, nonverbal und nicht bewusst (Stern, 2005, S. 129). Was auf dieser impliziten Ebene geschieht, beschreibt Stern als „die intersubjektive Suche nacheinander, und das fortwährende Ausweiten intersubjektiver Gemeinsamkeit zweier Menschen” (Stern, 2006, S. 32). Zwei Menschen nähern sich einander an, und durch ein „miteinander Improvisieren” (Stern, 2006, S. 33) entsteht dabei fortwährend etwas Gemeinsames. Für diesen Prozess der Kokreation wählt Stern den Begriff des schrittweisen Dahingleitens (moving along).

Weil auf dieser Ebene vieles unausgesprochen bleibt, entsteht ein Spielraum: Fehltritte sind möglich, ohne die Beziehung zu gefährden. Stern hält fest, dass in der impliziten Kommunikation Fehler erlaubt sind und als Chance einer schöpferischen Kurskorrektur dienen, als Möglichkeit, einen Weg des Miteinander-Seins zu finden (Stern, 2006, S. 33). Der Bruch und seine Reparatur sind damit Teil der Beziehungsbildung, nicht ihr Scheitern.

Ähnlich beschreibt Margherita Spagnuolo Lobb (2006, S. 51) die Beziehungsgestaltung als gemeinsamen Tanz: „Wir können jede Sitzung, ja die ganze Therapie wie einen Tanz auffassen.”

In diesem impliziten Feld ereignen sich die entscheidenden Wendepunkte. Stern nennt sie Now Moments: plötzliche Augenblicke erhöhter affektiver Spannung, die den vertrauten Beziehungskontext ins Wanken bringen und von beiden eine authentische, nicht vorhersehbare Reaktion verlangen (Stern, 2023, S. 158–166). Mündet ein solcher Augenblick in eine echte Begegnung, entsteht ein Moment of Meeting, und in ihm verändert sich das implizite Beziehungswissen beider dauerhaft. Genau hier, nicht in der verbalen Deutung, liegt der eigentliche therapeutische Wandel.

Für dieses leibliche Mitschwingen kennt die therapeutische Praxis einen geläufigen Namen: Empathie. Nach Fuchs liegt die Zwischenleiblichkeit der Empathie zugrunde (Fuchs, 2023, S. 111).

In der traditionellen Kognitionswissenschaft wird Empathie häufig als rationale Perspektivübernahme oder als intellektuelles Gedankenlesen im Sinne einer Theory of Mind verstanden. Aus leibphänomenologischer Perspektive greift diese rein kognitiv-funktionale Definition zu kurz. Fuchs (2024a, S. 146) dekonstruiert in Verkörperte Gefühle das mechanistische Empathieverständnis und unterscheidet drei untrennbar verbundene Stufen, die auf der Zwischenleiblichkeit aufbauen.

Die erste und fundamentalste Ebene ist die primäre Empathie: das unwillkürliche, leibliche Mitschwingen mit dem Anderen. Der mimische und gestische Ausdruck des Gegenübers wird mikromotorisch im eigenen Organismus nachvollzogen (motorische Mimikry). Es entsteht der Gefühlskreis, wie er oben beschrieben wurde. Wer einem Menschen gegenübersitzt, der von einem Verlust erzählt, spürt die Enge in der eigenen Brust, bevor er weiß, worum es geht. Verstanden wird hier nichts, es wird gespürt.

Auf diesem Fundament baut die erweiterte Empathie auf: die bewusste Vorstellung, wie es ist, in der Lebenssituation dieses Menschen zu sein. Die Therapeut*in versetzt sich in die biografische Welt des Gegenübers. Diese Stufe kann sich vom leiblichen Mitschwingen lösen. Dann bleibt sie eine Technik. Wer den Schmerz eines anderen kennt, ohne von ihm berührt zu sein, kann ihn benennen, trösten, sogar treffend deuten. Er kann ihn ebenso gut ausnutzen. Erst wenn das Wissen um den Schmerz leiblich grundiert ist, wird daraus Verstehen (Fuchs, 2024a, S. 155).

Die dritte Stufe ist die iterierte Empathie: das gegenseitige Gewahrsein. „Ich fühle, dass du mit mir fühlst, und du fühlst, dass ich das spüre.” Beide wissen voneinander, dass sie einander erreichen, und dieses Wissen verstärkt sich, während es geschieht. Die Klient*in macht darin die Erfahrung, im Anderen aufgehoben und gemeint zu sein. Der Vorgang verlangt Verletzlichkeit auf beiden Seiten und bleibt unverfügbar: Was zwischen zweien entsteht, kann keiner von beiden steuern (Fuchs, 2024a, S. 160).

Die drei Stufen sind nicht voneinander zu lösen. Iterierte Empathie kann ohne leibliches Mitschwingen gar nicht zustande kommen. Eine Antwort, die nur auf erweiterter Empathie beruht, kann treffend sein, sie kann trösten, sie kann auch manipulieren. Was sie nicht kann, ist leibhaftig zu begegnen. Genau darin liegt die Grenze, an der ein körperloses, rein syntaktisches System steht: Da primäre Empathie auf Grund der fehlenden Leiblichkeit nicht möglich ist, bleibt es bei einer Beschreibung von außen.

Mit dem Paradigma einer Psychiatrie als Beziehungsmedizin gibt Fuchs der Heilung durch Beziehung ihre theoretische Grundlage. Das folgende Kapitel zeigt, wie die Integrative Gestalttherapie dieses Paradigma praktisch umsetzt: als gelebte Beziehungsmedizin.

Fußnoten

  1. Prozedurales Wissen ist das Wissen, wie etwas geht, im Unterschied zum deklarativen Wissen, dass etwas so ist. Deklaratives Wissen lässt sich aussprechen und weitergeben; prozedurales steckt im Vollzug. Radfahren, Schwimmen, ein Instrument spielen: Niemand kann es durch Beschreibung erlernen, und wer es kann, kann es meist nicht erklären. Beziehungswissen ist in diesem Sinn prozedural — wie nahe ein Mensch tritt, wie lange er wartet, bevor er antwortet, wann er wegsieht. Erworben wurde es durch gelebte Erfahrung, und nur durch neue gelebte Erfahrung verändert es sich, nicht dadurch, dass darüber gesprochen wird.